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Darstellung einer Vase mit Farbüberlagerung und Ufer des Toten Meeres im Hintergrund

LEBENAM TOTEN MEER

Die Entdeckung der Qumran-Schriftrollen in Höhlen am Toten Meer ging vor 70 Jahren um die ganze Welt, die biblische Geschichte von der Zerstörung der Stadtmauern von Jericho durch Posaunenklänge ist weithin bekannt und mancher wüsste gerne, wo Sodom und Gomorra liegen oder hat schon von Lots Frau gehört, die zur Salzsäure erstarrte. Trotz dieser Geschichten und Entdeckungen hat es noch nie eine Ausstellung gegeben, die sich mit der Region des Toten Meeres beschäftigt. Weltweit. LEBEN AM TOTEN MEER schließt nun diese Lücke.

Die Ausstellung zeigt 12.000 Jahre Kulturgeschichte dieser außergewöhnlichen Region anhand von über 350 Objekten. Sie sind Leihgaben von 23 verschiedenen Museen, darunter das Ashmolean Museum, das British Museum und das Israel Museum in Jerusalem. Moderne Grenzen spielen in der Darstellung keine Rolle. Die Funde stammen von zahlreichen verschiedenen Fundorten (siehe Karte) und aus unterschiedlichen Kontexten, die wir in 8 Ausstellungsthemen zusammengefasst haben.

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Steiniges Ufer mit steiler Klippe

FUNDORTE

Die wichtigsten Fundorte rund um das Tote Meer

Legende mit Index zur Meereshöhe

NATUR UNDSUBSISTENZ

Wenn das smac eine Ausstellung über die Archäologie in einem fernen Land plant, dann ist es ein dringendes Anliegen des Teams, zum Einstieg Landschaft und Lebensbedingungen vorzustellen. Das ist im Fall des Toten Meeres besonders wichtig, da sich Natur und Umwelt vollständig von derjenigen Mitteleuropas unterscheiden. Außerdem ist es eine für uns faszinierende, da extreme Region: Das Tote Meer ist der tiefste Punkt der Erdoberfläche. Hier sind die Sonnenstrahlen weniger intensiv, die Luft extrem trocken, Trinkwasser rar, die Landschaft Wüste und der See – das Tote Meer – sehr, sehr salzig und mineralreich.

Trotz der eher lebensfeindlichen Natur schenken Sonnenlicht, Trockenheit, Salz und Mineralien den Menschen seit der Antike Gesundheit. Hier konnte natürlicher Asphalt gehandelt, Balsam (für die Seele) hergestellt und Datteln mit großem Erfolg angebaut werden. Ausgeklügeltes Wassermanagement ist der Schlüssel aller Besiedlung am Toten Meer. Die seltenen aber intensiven Niederschläge, Quellen und der größte Zufluss des Toten Meeres, der Jordan, werden seit jeher von den Menschen bestmöglich genutzt, um Leben zu ermöglichen.

ASPHALT ODER KOLLAGEN?

Schwarzer polierter Stein
Asphalt

Der Asphaltsee* enthält nichts als Erdpech, wovon er auch seinen Namen hat. Er nimmt keine tierischen Körper auf, selbst Stiere und Kamele schwimmen auf ihm. Daher ist die Sage entstanden, dass nichts in ihm untersinke.

Plinius der Ältere über das *Tote Meer in Naturgeschichte 5,72

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AUS SALZIG WIRD SÜSS

Die Dattelpalme

Keine Pflanze eignet sich derart gut zum Anbau am Toten Meer wie die Dattelpalme. Der Grund? Sie verträgt die salzhaltigen Böden, wie sie für die Senken/den afrikanischen Grabenbruch typisch sind. Die Dattelpalme ist eine klassische Oasenpflanze, und bereits auf der Mosaikkarte von Madaba aus dem 6. Jahrhundert werden Oasen mit Dattelpalmen markiert. Kultiviert wird sie spätestens seit der Kupferzeit (4500 – 3300 v.Chr.) und in der Antike preisen Gelehrte wie Plinius d. Ältere die Datteln von Jericho. Heute wird sie in großen Plantagen angebaut.

Wir kennen und schätzen hauptsächlich die Frucht der Palme, die Dattel. Sie besteht zu 85 % aus Zucker! Und schmeckt sowohl frisch als auch getrocknet. Honig und Wein kann man auch aus ihr gewinnen. In der Vergangenheit wurden auch Fasern, Blätter und der Stamm genutzt, so der Stamm zum Hausbau, die Blätter zum Dachdecken sowie Blätter und Fasern für Siebe und Körbe. Letztere zierten einst römische Münzen und heute die 10 Schekel Münze (NIS). Nichts könnte die Bedeutung der Pflanze mehr unterstreichen.

Mosaik der Karte der Region Madaba

Die Madaba-Karte

Exkurs

Die Mosaikkarte von Madaba stammt aus dem 6. Jahrhundert und gilt als älteste erhaltene Landkarte des Heiligen Landes. Madaba liegt etwa 30 km östlich des Toten Meeres. In dieser Region, östlich des Toten Meeres im heutigen Jordanien entstand in byzantinischer Zeit ein Zentrum christlichen Lebens.

Beim Bau einer neuen Kirche Ende des 19. Jahrhundert wurden die Überreste eines Vorgängerbaus entdeckt. Den Boden dieser Kirche zierte eine ursprünglich 22 x 7 m große Mosaikkarte, von der noch circa zwei Drittel erhalten sind. Für die Darstellung wurden etwa zwei Millionen Steine benötigt. Sie zeigt die Region vom Libanon über Palästina bis zum Nildelta in Ägypten mit Jerusalem im Zentrum als Nabel der religiösen Welt. Die Karte diente frühen Pilgern zur Orientierung, daher werden auch nicht die politischen Gegebenheiten der Zeit gezeigt, sondern die Orte von religiöser Bedeutung. Sie ist nach Osten und nicht wie moderne Karten nach Norden ausgerichtet.

Unter islamischer Hoheit mussten im 8. Jahrhundert die figürlichen Darstellungen aus der Karte entfernt und die Gesichter mit weißen Mosaiksteinen unkenntlich gemacht werden. Das Tote Meer ist fast noch präsenter als Jerusalem und zentral auf der Mosaikkarte platziert. Zwei mit Salz oder Getreide beladene Schiffe fahren auf dem See. Darüber hinaus gibt die Karte Hinweise auf Themen der Sonderausstellung „Leben am Toten Meer“ wie beispielsweise die Natur, Heilquellen oder Orte wie Jericho.

Ufer des Toten Meeres mit Blick auf En-Gedi und einer abfallenden Klippe

STIRBT DASTOTE MEER?

Seespiegelschwankungen – normal oder menschengemacht?

Über die letzten 12 000 Jahre schwankte der Seespiegel des Toten Meeres erheblich. War das Klima etwas feuchter stieg er, war es trockener, so fiel er. Fällt er unter 400m unter Normal Null, dann trocknet der südliche Teil aus. Dies geschah bereits mehrfach in der Vergangenheit. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts fällt der Seespiegel kontinuierlich und aktuell um einen Meter jährlich. Dieser Prozess scheint aufgrund des Klimawandels und des Ableitens des Trinkwassers für die Landwirtschaft nicht zu stoppen.

Erdfälle entlang des nordwestlichen Ufers sind eine gefahrvolle Begleiterscheinung dieser Entwicklung. Sie entstehen bei Niedrigstand und gleichzeitigem Ausspülen des Salzes aus den ufernahen Sedimenten. Um den Sterben des Toten Meeres entgegen zu wirken, soll Wasser aus dem Roten Meer ins Tote Meer geleitet werden (Red to Dead). Ein gewaltiges Projekt mit offenem Ausgang und das noch nicht gestartet wurde.

WELLNESS

Salzinsel mit Baum im Toten Meer

Badeluxusam Toten Meer

Berühmt sind die Badeanlagen des Herodes und die heißen Quellen in den Bergen um das Tote Meer. Anders als heute, hat man in der Antike ein Bad im salzigen Wasser jedoch nicht zu schätzen gewusst.

Antike Wellness

Wellness-Tourismus hat es in der Antike über große Entfernungen nicht gegeben, dafür war Reisen zu mühsam; man wäre viele Monate unterwegs und zahlreichen Gefahren wie Räubern ausgesetzt gewesen.

War man aber erst einmal in der Nähe des Toten Meeres, beispielsweise als Staatbeamter in Jerusalem angelangt, hat man die hiesigen ‚Produkte‘ durchaus zu schätzen gewusst. Und hier sind sich Antike und Gegenwart wieder ähnlich: Luxus und Wellness sind teuer.

Die folgenden Preise für Mitbringsel und Reisekosten liegen dem sogenannten Höchstpreisedikt des Diokletian zugrunde. Dabei handelt es sich um ein Gesetz zur Preisregulierung und Währungsstabilisierung aus dem Jahr 301.

Vielzahl von Dattelkernen | © Israel Antiquities Authority
Dattelkerne | 2. Jh. n. Chr. | Fundort: Nahal Hever | © Israel Antiquities Authority

Ein Pfund Datteln als Snack 1/4 Denar

Akazienholzkamm © Israel Antiquities Authority
Kamm aus Akazienholz | 1. Jh. v. Chr. | Fundort: En-Gedi | © Israel Antiquities Authority

Ein Kamm für die Haare: 14 Denare

Korbtasche aus Palmfasern | © Israel Antiquities Authority
Korb aus Blättern und Fasern der Dattelpalme | 70 - 135 n. Chr. | Fundort: Nahal Hever | © Israel Antiquities Authority

Mitbringsel: Korb aus Palmfasern: 4 Denare

Fragment eines Kamelgebisses | © Rheinisches Landesmuseum Trier
Oberkieferfragment eines Kameliden | römisch | © Landesmuseum Trier

Kamel für den Transport: 30.000 Denare (2 Höcker) oder 20.000 Denare (1 Höcker)

Asphalt 70 Millionen Jahre alt | Schenkung: Eli Raz | © smac, Annelie Blasko

1 Pfund Asphalt (gegen Diarrhö, Augenleiden oder Zahnschmerzen): 25 Denare

bunte Glasflasche mit kleinen Henkeln | © Israel Antiquities Authority
Glasgefäß | spätes 7. - 4. Jh. v. Chr. | © Israel Antiquities Authority

Hübsches Gefäß für den gekauften Balsam: 20 Denare

Wenn man bedenkt, dass ein Bäcker nur 50 Denare am Tag oder ein Landarbeiter sogar nur 25 verdient hat, kann man sich gut vorstellen, dass sie und ihre Familie nie nach Balsam dufteten, oder sich gar etwas über das Mittelmeer schicken lassen konnten.

Geschminkt bis in den Tod

In einem Grabkomplex in En-Gedi (Grab 6) fand man eingewickelt in eine Matte aus Palmblättern verschiedene Holzgefäße und Toilettenutensilien: Darunter Kosmetikgefäße, einen Kamm, eine Haarnadel, ein bronzenes Kohlgefäß mit Stab sowie eine Perlenkette. In dem Grab fanden insgesamt 14 Menschen ihre letzte Ruhe. Sie gehörten – zumindest teilweise – dem jüdischen Glauben an, da die erhaltenen Leichentücher einen typischen Knoten auf der Schulter aufweisen und Ossuarien (Knochenkästen) auf den jüdischen Auferstehungsglauben hindeuten.

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